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Montag, 18. Juli 2016

Mit 30 Kühen steil hinauf auf die Alp

Meielsgrund ist ein Talkessel umgeben von steil aufragenden Felswänden. Hier soll es also hinaufgehen. Mit 30 Kühen. Zu Fuss. Ich wurde eingeladen, eine der spektakulärsten Zügel-Etappen der Region mitzulaufen. Ich habe zugesagt... und stehe nun gegen 18 Uhr beim Gstaader Bauern und Boutiquenbesitzer Lorenz Bach vor dem Stall mit einem Stock in der Hand, Wanderschuhen an den Füssen und mächtig Herzklopfen, ob ich das wohl schaffen werde. Für Zweifel ist keine Zeit mehr, als die ersten Kühe den Stall verlassen. Auch sie sind nervös, weil die Stallroutine heute durchbrochen ist. Sie kennen das Zügeln hinauf auf die Meiels Alp schon und marschieren munter, geleitet von Hirten zum Einstieg in den Hang. Ein Glück, geht es hinauf weitaus langsamer als hinunter. Ich erinnere mich an den Alpabzug vom Kühtungel von vor zwei Jahren. Mamma Mia - ich habe noch nie Kühe derart rennen gesehen wie damals...

Am Anfang des Alpaufzuges

Gemächlich und vorsichtig ziehen die Tiere hier bergwärts. Die Treiber lassen ihnen keine andere Wahl. Vorsicht ist für Mensch und Tier geboten. Das Gelände ist voller Steine, Mulden und Löcher und birgt einiges an Verletzungspotenzial. Wenn eine Kuh kehrt und dann doch lieber wieder Richtung Tal laufen möchte, muss der Mensch schnell reagieren, springen und sie zurück auf den richtigen Weg lenken. Das braucht Kraft, Mut, Erfahrung und Kondition. Tja... ich bringe fast nichts davon mit. Die Situation fragt aber nicht danach und so liegt es an mir, selbige zu meistern. Je höher wir steigen, desto besser klappt das. Die Kühe geben das Tempo vor. Für ihre Gemächlichkeit bin ich weiss Gott dankbar.

 
Während dem Alpaufzug

Eineinhalb Stunden dauert der Aufstieg bis auf knapp 2000 Meter. Immer wieder öffnen sich herrliche Ausblicke auf das umgebende Panorama - im Abendlicht und unter dramatischen Wolkenformationen ein eindrückliches Erlebnis. Je näher wir der Alphütte kommen, desto grösser wird die Vorfreude auf das gemeinsame Z'nacht. Ein Schluck Wasser aus einer Quelle auf dem Weg sorgt für eine herrliche kurze Pausenerfrischung.

Auch die Kühe sind froh, als sie endlich am Ziel ankommen. In langen Zügen schlürfen sie das Wasser aus der Wanne, die als Tränke bereit steht, während die Hütten-Crew drin den Tisch deckt. Schinken, Wurst, Käse verschiedener Reifegrade, Brot, ein paar Trauben und natürlich ein Gläschen Weisser bringen die Kräfte zurück, die der Weg nach oben verzehrt hat. Die brauchen wir auch, denn wir müssen ja auch wieder runter... Zu Fuss, aber immerhin ohne Kühe.

Neue Kräfte für den Rückweg sammeln

Die Helfer mahnen zur Eile. Über dem Berg verdichten sich die Wolken zu dem bereits für den Nachmittag angekündigten Gewitter und die Dämmerung kündigt sich an. Aus dem gemütlichen Abstieg wird nichts. Jetzt heisst es "seckle", wenn wir es trocken hinunter schaffen wollen. Wie die Bergziegen springen die Kollegen den Weg entlang. Und wieder habe ich keine andere Wahl als mich bestmöglich anzupassen. Das sich nähernde Donnergrollen macht es mir leicht...


Ein Gewitter zieht auf. Zeit zur Heimkehr

Und nein, wir haben es nicht trockenen Fusses ins Tal geschafft. Auf den letzten 100 Metern kam die himmlische Gratis-Dusche, auf die wir alle liebend gern verzichtet hätten. Immerhin hat uns das Gewitter nicht voll erwischt, dann wäre es nämlich nicht mehr lustig gewesen. Ich muss wohl nicht sagen, dass ich in dieser Nacht mehr als gut geschlafen habe. Und mit einem gewissen Anflug von Stolz, berichte ich euch ebenfalls gern, dass ich fast keinen Muskelkater hatte. Dieses Abenteuer war sehr eindrucksvoll. Die Vorstellung, wie anstrengend erst der Abstieg mit den Kühen sein muss, hat mir das romantische Ideal vom allzeit zufriedenen Bergbauern gründlich zurechtgerückt. Es hat mir auch vor Augen geführt, wie wichtig Zusammenhalt, Teamwork, Respekt vor der Natur und gegenseitiges Vertrauen speziell in den Bergen ist. Wenn sich euch die Gelegenheit bietet, geht es erleben. Es lohnt sich.

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